Archive of ‘Travelling’ category

Poetry & the TransSiberian Railway

Liebe Theresia,

heute vor 25 Jahren ist die Mauer zwischen DDR und BRD gefallen. Das erinnert mich an Nikolai, einen glühenden DDR-Fan, den ich vor 10 Jahren auf meiner Reise durch Sibirien traf. Hier deshalb die zweite meiner Mails, die ich auf meiner Reise als junge Journalistin aus Sibirien schrieb.

Der Duft der Transsibirischen Eisenbahn

Blick-aus-dem-Fenster

Blick auf den Baikalsee

Ulan-Ude, 5. Oktober 2004

Liebe Europäer,

kann mir mal jemand erklären, wie der Mythos der Transsibirischen Eisenbahn zustande kommt? Ich hatte mich auf Abenteuer und Freiheit gefreut. Auf beeindruckende Landschaften und wuselnde Städte. Stattdessen nur Birken und Moor. Von Moskau bis Ulan-Ude nichts als Birken und Moor. Tja, hätte ich in Geografie besser aufgepasst, hätte ich gewusst, dass die russische Tiefebene nicht viel mehr hergibt.

Aber meine Mitfahrer waren toll. Wo sonst hätte ich jeden Morgen mit hartem, russischen Akzent vorgesungen bekommen: “Und aus zehn Milliarden Augen ein Trauerregen rann und ein Tränenmeer, das ühüüüberlief”? Das konnte nur Nikolai, unser Schaffner und glühender DDR-Fan, der immer ein Foto von Katerina Witt in der Brusttasche trägt (“Oh Katja Witt, moja lojubov”) und – selbstverständlich – auch die Puhdys verehrt. Die sollen in den 80er Jahren in Moskau übrigens viel populärer gewesen sein als in der DDR.

Abteil

Tanja, Oleg und Maxim in unserem Abteil

Auch wenn die Transsib blitzsauber ist, ist der Geruch, der einem nach drei Tagen im Zug mit den zugeschraubten Fenstern anhaftet, nicht von schlechten Eltern. Zumal in meinem Abteil noch Tanja und Oleg nebst frischgeborenem Söhnchen Maxim reisten. So wurden dann die ausgewaschenen Windeln über den Leitern zum Doppelstockbett aufgehängt, während die Abteiltür zur Vermeidung von Zugluft nur für Sekunden geöffnet werden durfte. (Anmerkung von heute: Jetzt, da ich selbst Mutter bin, verstehe ich die Zugluft-Sorge besser.)

Jedenfalls verhalf mir die Luft in unserem Abteil zu einem beeindruckendem Erlebnis. Seit 14 Jahren frage ich mich nämlich, wo der berühmte Duft der Intershops geblieben ist. Nach Waschmittel und Schokolade. Nach der Wende war der plötzlich einfach weg. Erinnert Ihr Euch? Und dann bei Krasnojarsk öffnete ich meinen Koffer – und da war er wieder. Der Duft von Westpaket und Intershop. Frische und porentiefer Werbe-Reinheit.

Abteil für sich

Sonja und Jeppe auf Weltreise

Kaum war der Koffer wieder zu, schlug der transsibirische Geruch zurück. So sehr, dass ich am Ende nicht mal mehr Sonja und Jeppe beneidete. Die beiden hatten sich clevererweise ein ganzes Abteil gemietet (also 4 statt 2 Fahrkarten gekauft) und wollten mit der Transsib durch die Mongolei bis China fahren. Sie haben in Holland einfach ihre Jobs gekündigt und wusch, ab nach China, Thailand, Indien. Toll.

Ich dagegen war dann ziemlich froh, als die Transsib den Baikalsee umrundet hatte und ich in Ulan-Ude meinen Gastgebern in die Arme fiel. Sie sind Burjaten, die früher einmal zu den mongolischen Stämmen gehörten. Meinen Gastgebern gehört die einzige unabhängige Zeitung in der Region. Tolles Haus, größte Home-Cinema-Anlage, die ich je gesehen habe. Auf meine Frage, wieviel ich für mein Zimmer eigentlich zahlen soll, kam nur: Ach, mal sehen.

Nun, ich werde sehen, was die Monate in Sibirien bringen werden. Bis dahin viele Grüße
Eure Katharina

Translation: 25 years ago the German Wall came down. This reminds me of my travel with the Trans-Siberian Railway where I met a poetic conductor. Click on the Google Translater at the top of the sidebar to read it in English.

Siberian Emails I

Liebe Theresia,

manchmal liegt im Herbst so ein Geruch von Frost und Holzfeuer in der Luft, bei dem mich Wehmut überkommt. Dann riecht es für mich nach Russland. Vor genau 10 Jahren, im Oktober 2014, trat ich als junge Journalistin mit einem Stipendium der Zeit-Stiftung meine Reise durch Sibirien an, auf der ich Schamanen, lebende Tote und deutschsprachige Sibirier treffen sollte und bei minus 36 Grad zum Barbecue ging. Und weil das alles nicht in Vergessenheit geraten soll, werde ich hier meine Mails von damals an die Freunde daheim wieder hervorkramen. Los geht’s es mit einer angegruselten Mail aus Moskau.

From Moscow with Love

Mein Zug nach Ulan-Ude am Baikalsee. Der Mann im Vordergrund hat schon die richtige Kleidung für die lange Fahrt mit der Transsib an: Trainingsanzug und Filzpantoffeln

10. Oktober 2004

Dorogije drusja,

gleich steige ich in den Zug nach Ulan-Ude und will noch kurz Grüße aus der Großen Ruhmreichen senden. Bin gestern in Moskau angekommen und netterweise von meinem ehemaligen Klassenkameraden Grischa abgeholt worden.

Grischa besitzt inzwischen zwei Wohnungen, zwei Kinder und eine Firma. Ein seriöser Geschäftsmann. Und mitten im Stau auf der langen Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum griff er in seinen seriösen Aktenkoffer und präsentierte mir stolz seine Kalaschnikow. Die hat er, weil er seine Firma schützen muss. Und seine Firma hat er, weil er als 18-Jähriger zwei Jahre in einem fremden Land gekämpft hat und es seinen Worten zufolge dort üblich war, den toten Gegnern das Geld aus den Taschen zu räumen. Ölgeld, 30.000 Dollar, sagt er. So habe er den Grundstein für seine Firma gelegt. Machen doch alle so. Aha.

Aber mich führt er galant durch Moskau, das voller Lederjacken und Westautos ist. Jetzt hocke ich bei ihm im Büro und bin mit Fürchten beschäftigt. In einer Stunde geht mein Zug nach Ulan-Ude am Baikalsee. Huaahhh. Vier Tage ins Unbekannte hinein.

Ich hoffe wir sehen uns wieder, viele Grüße
Katharina

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